Wednesday, October 15, 2014

Der pfurzende Pfau aus dem Morgenland

Unser Verstand ist die Bühne eines großen Theaters und wird hauptsächlich von zwei Akteuren bespielt: Das Gedächtnis und das "Ich", dass in der Gegenwart lebt. Manchmal gesellt sich auch der Zweifel dazu, was eine "Ménage-à-trois" ermöglicht und für den einen oder anderen Aufruhr im Zuschauerraum sorgt. Wenn ich gefragt werden würde, wie ich diese beiden Schauspieler charakterisieren würde, dann ist das Gedächtnis der große Geschichtenerzähler, der es mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt. Für eine gute Pointe werden gnadenlos Tatsachen unter den Tisch fallen gelassen und eine eigene Geschichte gesponnen. Wir müssen zugeben, dass dies auch manchmal seinen guten Grund hat: Das Gedächtnis ist das Präservativ, mit dem wir das "Ich der Gegenwart" schützen oder auch mit Erinnerungen strafen, wenn es allzu übermütig wird. Das wird es oft, denn das "Ich" lebt in der Gegenwart und erlebt all die schönen Dinge, über die das Gedächtnis in einer fernen Zukunft berichten wird. Es sind also zwei recht unterschiedliche Gesellen, die jeden Tag ein wunderliches Schauspiel in unserem Kopf aufführen. Ein andauernder Streit zwischen Mythos und Wirklichkeit. Zwischen einer gewünschten Realität und wirklichen Erfahrungen, die wir machen. Da wir das Gedächtnis als einen begnadeten Erzähler von Geschichten identifiziert haben - was definiert eigentlich eine Geschichte? Wie ist eine solche aufgebaut und vor allem wie kommt das Gedächtnis ins Spiel?

Eine Geschichte hat immer einen auslösenden Zwischenfall und die eine oder andere Umkehrung. Daneben gibt es die entscheidende Momente, Krisen und das Ende. Vor allem letzteres ist ziemlich wichtig, kann es doch die Erinnerung an einen schönen Abend komplett ruinieren.  Eine Freundin von mir hatte das erste Date mit einem schönen fremden Mann, wie man Menschen mit einem Migrationshintergrund in früheren Zeiten nannte. Sie hatte die Zeit Ihres Lebens, tanzte auf Tischen und der Kerl war charmant, gebildet, unter 40 und nicht schwul. Perfekt, wenn nicht dieser kleine Zwischenfall gewesen wäre. Dem feuchten Traum aller Schwiegermütter kam ein Lüftchen hörbar aus dem Hintern - komplett unbeabsichtigt im Übrigen - und dieser kleine Moment ruinierte die Erinnerung meiner Freundin an diesen grandiosen Abend komplett: Der pfurzende Pfau aus dem Morgenland war geboren und ging als tragische Gestalt nach und nach in die Mythologie der Alltagsgeschichten ein. Eine Parabel, die man am Lagerfeuer erzählt, um die Schrecknisse des Liebesleben von Großstädter zu verdeutlichen.

Und darum ist das Gedächtnis oft der Schurke im Theater unseres Verstandes: Der Abend war in Wirklichkeit nicht ruiniert, lediglich die Erinnerung daran und das ist eine Unterschied. Selbst wenn es diesen "einen Moment" gab, hatte man doch insgesamt eine tolle Erfahrung und ein paar glückliche Stunden, oder? Aber das Gedächtnis pickt sich aufgrund seiner boshaften Natur ein paar Momente heraus und spinnt daraus seine eigene Geschichte. Das ist nicht nur skandalös, sondern auch auf eine bestimmte Art und Weise sehr fatal. Denn zum einen sind Erinnerungen alles, was wir vom Leben mit dem Ich der Gegenwart behalten. Es ist eine Ansammlung von kurzen Momenten, die zu einem roten Faden verknüpft werden, kurz: Das Gedächtnis erzählt die Geschichte unseres Lebens, nur das "Ich" hat dabei kein Mitspracherecht. Das ist schon interessant, denn wir uns Tagträumen hingeben oder uns die Zukunft vorstellen, dann sind diese für uns keine möglichen Erlebnisse, sondern wir betrachten sie schon insgeheim als Erinnerungen, die uns bleiben werden. Und zum anderen treffen wir Entscheidungen nicht aufgrund der Erfahrung, die wir gemacht haben, sondern aufgrund der Erinnerung, die wir an diese Erfahrung haben, böse gesagt: Der nächste schöne fremde Mann wird automatisch zum pfurzenden Pfau aus dem Morgenland degradiert und die Chancen auf eine Rehabilitierung gehen gegen Null. Schade um die möglichen Erinnerungen, nicht wahr?