Sunday, September 23, 2012

Der Hipster in mir

"Gestehe alles und fürchte nichts!", dass ist ein kraftvolles Mantra an einem frühen Morgen. Aber bei Geständnissen gibt es Ausnahmen und eine davon ist - ab einem bestimmten Zeitpunkt - das wahre Alter zu verraten. Ihr wisst schon: Das wahre und geheime Alter, dass man nicht einmal mehr flüsternd seinem Spiegelbild mitteilt. Hmm, was ist alt? Graue Haare, Geheimratsecken und eine rundliche Figur? Mitnichten, meine Damen und Herren. Die grausame Wahrheit ist: Alles jenseits der 30 gehört per Definition zum alten Eisen. Harter Stoff in einer Gesellschaft, die eben jene Jugend vergöttert und noch härter, wenn man das erste Mal auf der Strasse mit einem "Haben SIE mal einen Euro da" anstelle dem kollegialen "du" angeschnorrt wird. Das ist der Augenblick der Wahrheit, in dem man realisiert, dass man in die Kategorie "alter Sack" eingeordnet wird.


Und obwohl es Rückschlüsse auf mein wahres Alter zulässt, gibt es heute einen Rückblick auf längst vergangene Zeiten: Eine Zeit, bei der es in gewissen gesellschaftlichen Gruppen die Jagd nach seltsamen Filmen und Musik der Kategorie "Schlechter Geschmack" gab. Das höchste Prestige und die größte Anerkennung hatten die Leute, die das abgedrehteste kulturelle Zeug bei Namen nennen konnten und als Tonträger, Film oder Puplikation besaßen. Kurzum, es war eine Rasselbande pseudointellektueller Schnösel, deren direkten Nachkommen heute anscheinend unter dem Namen "Hipster" anzutreffen sind. Als älterer Mensch wissen Sie nicht genau, was ein Hipster ist? Eine leichte Unsicherheit? Da kann geholfen werden! Mit einer Definition von einer wunderbaren Institution des Wissens: The Urban Dictionary.

"People between the ages of 18 and 30 who claim to reject mainstream culture. They like to say that they possess creativity, intelligence, and witty banter...but in all reality, they are all cynical assholes who refuse to shower and like to feed on the souls of the innocent."

Aus dem Plattenschrank der Altvorderen
Als Mensch, der einer gewissen Boshaftigkeit manchmal nicht abgeneigt ist, habe ich mit großem Vergnügen und Selbstzufriedenheit diese Defintion gelesen. Hübsch, wenn einem anderen die Kelle übergezogen wird und es einen selbst nicht trifft. Denkt man, bis einem die Sünden der Jugend wieder einfallen, über die der Mantel des Schweigens und des selektiven Vergessens gezogen wurde. In Schutz der Anonymität dieses Blogs gestehe ich daher mutig: Man konnte man mich zu der Gruppe "pseudo-intellektueller Schnösel" zählen und diese unterscheidet sich von den Hipstern nur wenig. Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich zumindest geduscht habe!


Beiden Gruppierungen haben gemein, dass man sich weniger an sozialen oder wirtschaftlichen Verhältnissen orientiert, sondern mehr Wert auf die Kunst der Darstellung und die richtige Art des Konsums legt. Gut zu beobachten in den damaligen Plattenläden, in denen sich Nerds zusammenrotteten, um den schlechten Geschmack - nicht nur in Sachen Kleidung - feierlich zu zelebrieren. Wehe dem Kunden, der nicht aus einem streng regelmentierten kulturellen Kanon Platten erwarb. Hip ist oft nicht hip genug. Und die Frage nach Bony M. als Geburtstagsgeschenk für die ergraute Großmutter? Soziale Ächtung als Folge, das Gespött in der Stadt für Monate, wenn nicht gleich Hausverbot im Laden erteilt wurde. Damit das einem nicht passiert, gab es verschiedene Strategien, um den Druck der Gruppe zu entkommen.

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