Tuesday, October 9, 2012

Der Hipster in mir (2)

...daher: Keine Panik! Untersuchen wir eine erste Strategie, die bewährt ist und oft angewendet wird. Sie ist auch unter den Namen "Das japanische Prinzip" bekannt. Gemäß dem Spruch „Auf den Nagel, der hervorsteht, wird eingeschlagen“, kann man durch eine Vermeidung der Normabweichung dem Spott der anderen Nerds entkommen. Es ist ein Spiel und das Ziel dieses Spieles ist, sich in der Gruppe und Gemeinschaft zu verstecken, durch eine nicht hinterfragte Übernahme der relevanten ästhetischen Werturteile. Das heisst, die richtigen Klamotten, Musik und Filme gut finden; selbst wenn diese merkwürdig sind und eigentlich einer harschen Kritik befürfen. Für einen wachen Geist kann das eine Prüfung sein. Mitläufer ist daher ein zu harter Name dafür. Aber wie wäre es mit Chamäleon? Ein wundersames Tier, dass die Farbe des jeweiligen Hintergrundes annimmt, wenn es länger an Ort und Stelle verweilt.


Das menschliche Chamäleon ist in der Lage, sich dem kulturellen Kanon einer Gemeinschaft anzupassen, um so zum Konsens der Gruppe, als auch der Verhaltenserwartung der anderen Mitglieder beizutragen: Was ich kaufe, bin ich. Und was man sein Eigentum nennen darf, steht im großen Buch der Hippness. Einfach, praktisch, gut. Der Nachteil an dieser Strategie ist, dass man letzten Endes ein von Außen gelenktes Individuum ist, dass nur sehr begrenzt eine eigene Meinung wiedergeben darf. Die Normen und Werte sind von den anderen Nerds geprägt; man muss sich an die offizielle, rechtschaffende Meinung halten, was angesagt ist und was nicht. Individuelle Ansichten und Überzeugungen - vorausgesetzt, diese sind vorhanden - werden zugunsten der Sicherheit, die eine Gemeinschaft bietet, aufgegeben, kurz: "Wer mich angreift, startet einen Akt der Aggression gegen die gesamte Gruppe!", da diese sich durch mich dargestellt fühlt. Das Gesicht in der Menge, der Hering in einem Fass von Heringen. Das stinkt zwar, bringt aber viele Vorteile, da es zu keiner Gefährdung des Status Quo kommt. Der Nachteil kommt erst später, wenn sich immer mehr Mitglieder der Gruppe zu bestimmten Normabweichungen bekennen. Der Spieß dreht sich langsam, aber er dreht sich. Denn: Kultur ist keine statische Angelegenheit, sie ändert und entwickelt sich. Durch das sture Beharren auf Tradition wird man als konservativ, feindlich gegenüber dem Fortschritt und als Spießer erklärt, dessen Herz und Verstand dort sitzt, wo man früher die Brieftaschen verstaut hat... ziemlich weit unten. Früher oder später ist immer der Punkt erreicht, an dem auch der Letzte der Mohikaner mitzieht, vorausgesetzt, er hat Interesse an der Akzeptanz seitens der anderen Mitspieler.