Tuesday, March 29, 2016

Moritat einer unhaltbaren Theorie: Der unzüchtige Bach


Beim traditionellen Osteressen unserer Familie hatte ich laut getönt, dass es selbstverständlich einen historisch nachgewiesenen Zusammenhang zwischen der Beischlaffrequenz mit der Mätresse oder Ehefrau und der musikalischen Begabung eines Komponisten gibt. Wer angibt, hat mehr vom Leben, heisst es oder sollte ich sagen: "Hättest du doch bloß geschwiegen, oh Frater Bartmoss!". Es hilft nichts: Ich muss da nun durch!

Als ich die Weiten des Internets nach Material für diese unhaltbare Theorie abgesucht hatte - mit hochrotem Kopf und Wasser in den Schuhen -, stolperte ich bei der Lektüre einer recht trockenen Webseite über folgende Urteilsbegründung: "Sie hörten regelmäßig überlaute Musik und gaben laute Geräusche beim Sexualverkehr von sich." Inklusive der ausgestoßene "Yippie"-Rufe stellt das Ganze eine unzumutbare Belästigung der Nachbarn dar und muss in Zukunft auf Zimmerlautstärke geschehen. Das ist doch schon einmal ein Beginn, auch wenn Wilhelm Busch das wesentlich eleganter ausgedrückt hat: "Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden." Dieser Schlingel, wenn man bereit ist, die Zeilen mit der trockene Poesie deutscher Amtsgerichte zu interpretieren.


Dabei gilt Musik als die Sprache der Götter und ist eine der wenigen Gaben an die Menschheit, die so etwas wie einen bleibenden Wert hat. Das Geschenk der Musik entschuldigt den von den Göttern hinterlassenen Sauhaufen, der sich unsere Welt schimpft. Sie berührt unser Herz, lässt uns vor Freude durch die Wohnung tanzen, in Tränen ausbrechen oder andächtig schweigen. Es sind tausende von Büchern über die Musik und ihre Bedeutung geschrieben worden, aber in Verbindung mit Unzucht? Schwierig, schwierig.

Glücklicherweise helfen uns einmal wieder amerikanische Wissenschaftler *rofl*. Diese haben die unheilvolle Kombination von Musik und fragwürdigen Freizeitverhalten (Sic! Yippi-Rufe!) aufgedeckt: Sie gehen davon aus, dass der gemeine Frühmensch schweinische Lieder am Feuer gegröhlt hat, bevor überhaupt der zivilisierte Sprachgebrauch entstanden ist. Kann das so stimmen? Berechtigte Zweifel sind angebracht, aber in unserer Not hilft uns Victor Hugo aus. Sinngemäß hat der Knabe überliefert: Musik bringt die Themen an den Tisch, über die man nicht reden, aber auch nicht schweigen kann. Schweinskram? Völlerei? Unzucht? Ein Dichterfürst muss es wissen und als Franzose ist er ja im höchsten Maße verdächtig, mit schönen Worten triviale Dinge zu beschreiben.

Lassen wir Frankreich sein und wenden uns dem musikalisch versauten Thema verpflichtend der Planungsregion Südwestthüringen zu, genauer: Eisenach. Die Stadt ist nicht nur durch ein totsaniertes Touristengemäuer auf dem Berg bekannt, sondern auch als Geburtsstadt mehrerer historischer Persönlichkeiten, die nicht nur der Musik, sondern auch mit der hundsgemeinen Unzucht anscheinend sehr vertraut waren. Man kann sozusagen einen Zusammenhang zwischen musikalischen Talent und der Ausübung des ehelichen Beischlafs anhand amerikanischer Statistikmethoden feststellen.

Fangen wir mit Martin Luther an. Dieser hat nicht nur die Bibel umgestaltet, sondern war auch der Musik und besonders dem Gesang sehr angetan. Er galt als guter Sänger, hat etwa drei dutzend Kirchenlieder hinterlassen und war ein miserabler Verseschmied. Daher wundert es nicht, dass sein berühmtester Ausspruch "Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmacket?" nur meistens unvollständig zitiert wird. Der zweite Teil ist eher unschicklich in den Gefilden der gehobenen Tischkonversation: "Warum ornanieret ihr unter dem Tische nicht? Hat euch mein Weib und Töchter nicht gefallet?".  Nachtigall, ich hör dich trappsen! Vor allem, wenn man sich die Tipps des heiligen Mannes zum ehelichen Beischlaf ansieht:

In der Woche zwier,
schaden weder ihm noch ihr,
macht im Jahre hundertvier.

Yap, es reimt sich, aber ob es dichtet? Wie auch immer: Ich denke nicht, dass er sich an seine eigene Regel gehalten hat, dafür war sein musikalisches Talent doch zu klein. 6 Kinder? Bei 104 Schnaxeleien im Jahr? Ohne Verhütung? Nur 45 Lieder geschrieben? Der Mann hat schamlos übertrieben!

Glücklicherweise war das bei einem anderem großen Sohn der Stadt anders: Johann Sebastian Bach. Der Bach, der mich ansatzweise wieder mit der klassischen Musik versöhnt hat und wahrhaft in der Sprache der alten Götter mehr als nur bewandert war. Versöhnt? Nun, einer meiner dunklen Flecken in der Vergangenheit ist eine grundsolide Ausbildung an einem Instrument und die damit verbundene "zwangsweise" Auseinandersetzung mit der Musik des gehobenen Bürgertums. Und wie es so ist: Abneigung gegen den Drill verwandelt sich in Abneigung gegen eine bestimmte Art von Musik, die im Grunde nichts dafür kann.

Aber wer weiß, vor was mich meine zeitweilige Abneigung und schmales Talent alles bewahrt hat. Bach hatte zwanzig Kinder mit zwei Frauen und ich nehme nicht an, dass diese durch Tröpfcheninfusion oder Samenraub entstanden sind. Schlussfolgerungen über die Schnaxelfrequenz des alten Bachs überlasse ich Ihnen, meine Damen und Herren! Aber wir können durchaus die Behauptung aufstellen, dass sich sein musikalisches Talent in seinem ehelichen Fleiß widerspiegelt. Es stellt sich nur die Frage, ob die dabei ausgestoßenen "Yippie"-Rufe auch in der Zeit der Altvorderen als eine unzumutbare Belästigung der Nachbarn galten.

Und weil es gerade passt... eine hervorragende Interpretation von Bach auf der Mandoline: