Wednesday, June 1, 2016

Stellaris: Style over Substance


Ist Stellaris ein gutes Spiel? Noch nicht, aber es ist auf einem guten Weg dorthin. Es existieren die klassischen Kinderkrankheiten eines neuen Spieles, die sich jedoch mit ein paar Verbesserungen kurieren lassen. Balance Probleme, fehlende Features, das User Interface hat seine Tücken. Paradox ist auf jeden Fall ein Spielentwickler, der sich um seine Produkte kümmert und viele Patches, als auch DLCs, über Jahre hinweg veröffentlicht. Stellaris hat auf jeden Fall ein paar sehr gute Ansätze und ich glaube, dass es sich zu einem Klassiker in Sachen Weltraumstrategie entwickeln kann. Der erste größere Patch "Clark" ist inzwischen in der Testphase und hat einiges vom Feedback der Spieler integriert, wie zum Beispiel das verbesserte User Interface, das mit zunehmender Anzahl an eroberten und besiedelten Planeten bisher ein paar unschöne Eigenheiten gezeigt hat.

Da ich eher einen besseren Tag in dieser Woche habe, gibt es daher ein paar persönliche Eindrücke und Meinungen zu Stellaris, die wie immer keiner höheren objektiven Wahrheit folgen. Ich persönlich mag das generelle Design und die Grafik des Spieles, die für ein trockenes Strategiespiel prächtig ist. Die Erstellung der eigenen Rasse mit Regierungsformen und Eigenheiten ist klasse, die Explorations- und Aufbauphase großartig, die Musik kann man sich anhören, aber ab dem sogenannten "Midgame" verliert Stellaris für mich doch sehr an Charme. Um das zu erklären, muss ich ein wenig weiter ausholen. 


Die eigentliche Seele von Stellaris besitzt einen Sandbox Charakter. Obwohl es Gewinnbedingungen gibt, ist eine Game Session am besten, wenn man diese ignoriert, sich eine Rasse entwirft und mit eigenen Zielen glücklich vor sich hinspielt. Neben dem Griff in die "Sandbox&Grand Strategy" nimmt es auch viele Anleihen aus dem 4x Genre, kurz: Es ist ein Bastard, der versucht, das Beste aus zwei Welten in sich zu vereinen. Das ist Paradox recht gut gelungen und ist eine große Stärke des Spieles, aber auch gleichzeitig die größte Schwäche.

Ein Widerspruch? Jein. Ich persönlich denke, dass es viel mit den Erwartungen zu tun hat, die man aus den verschiedenen Genre mitbringt. Von der Seite des 4x Genres sind zwei Gewinnbedingungen eine eher maue Sache, vor allem, wenn beide Siegbedingungen nur militärisch zu erfüllen sind: 40% der bewohnbaren Planeten der Galaxis sein eigen zu nennen (Domination) oder alle anderen Imperien zu unterwerfen (Conquest). Es gibt keine Wissenschafts-, Kultur-, Diplomatie- oder Religionssiege zum Beispiel. Der Weg zum Ziel führt über die Unterwerfung der Galaxie mit Hilfe von Kanonenrohren. Und damit ist ein Fass geöffnet, dessen Inhalt nicht jedem Strategiespieler schmeckt.
Um eine alte Fallout Weisheit zu zitieren: "Krieg bleibt immer gleich!" und das gilt auch für die kriegerischen Auseinandersetzungen in Stellaris. Sobald die Explorationsphase abgeschlossen ist und die Wirtschaft mit den ersten besiedelten Welten steht, überfällt man seine Nachbarn, konsolidiert und wiederholt diesen Vorgang bis zum "Ende" des Spieles. Was wirklich vielversprechend begonnen hat, wird zu einer kleinen Tretmühle aus Flottenproduktion, Anlegen von Sektoren und der Benutzung der zwei oder drei gleichen Edikte. Wer das mag, der ist in Stellaris gut aufgehoben, wer Abwechslung liebt, eher nicht.

Die Kämpfe selber? Eine spaßige Angelegenheit für den Armlehnensesselgeneral im fortgeschrittenen Alter. Man hetzt sich gegenseitig "Stacks of Doom" auf den Hals und die Kämpfe laufen automatisch ab. Das Gute an der Sache: Es sind keine 300 Klicks in der Minute mit der Maus nötig, die ältere Herrschaften vor Probleme stellen könnten. Die Raumschlachten sind hübsch anzusehen, man kann sich zurücklehnen, eine Zigarre anstecken und gemütlich an seinem Drink nippen, während das gemeine Volk sich gegenseitig über den Haufen schießt.

Das nicht so tolle Detail an der Sache: Automatisch. Es zum Beispiel dann nicht möglich die Richtung der Flotte zu ändern, andere Ziele zuweisen oder sich kurz aus der Reichweite der größeren Schiffe zurückzuziehen. Das kann problematisch werden, vor allem, wenn man mit anderen Spieler gemeinsame Aktionen hat und unterschiedliche Reichweiten der Waffensysteme. Eine Flotte in Stellaris ist nicht durchlässig und hat die Dichte einer massiven Wand, sprich: Während vorne sich die Schiffstypen mit Missiles einen Shootout liefern, kann die zweite Flotte mit den Autokanonen und geringer Reichweite nicht vorbei und in den Kampf eingreifen. Kann man umgehen, ist aber mit Aufwand und nicht immer mit Erfolg verbunden.

Und im ewigen Krieg liegt in gewisser Weise auch die Schwierigkeiten, die ich mit dem Spiel habe. Die strategischen Entscheidungen während einer Auseinandersetzung, die man treffen kann und die tatsächlich einen Unterschied machen, sind eine sehr magere Kost für den Strategiespieler. Und das in einem Spiel, dessen Gewinnoptionen ausschließlich über Kampf definiert sind. Etwas ungerecht runtergebrochen: Wer den längeren und dickeren Johannes, ahem: "Flottenhaufen" hat, wird den Sieg davontragen. Vorausgesetzt, man hat seine Raumschiffe/Flotte vernünftig konfiguriert und den richtigen Antrieb bei der Erstellung der Rasse ausgewählt. Dazu kommt noch, dass alle Sternensysteme die gleiche strategische Bedeutung (bis auf eventuell vorhandene seltene Resourcen) besitzen. Man kann nicht mit einer eroberten Stadt den Zugang zu einem Kontinent schwieriger machen oder sich beispielsweise einen Handelsknotenpunkt unter den Nagel reissen, der wirklich einen Unterschied macht. Ein Sternensystem bringt 1% mehr im Fortschritt in den Siegbedingungen und dass ist nicht sehr aufregend, wenn man das bei 50+ Systemen wiederholen muss.

Kann ich einen friedlichen "Builder" spielen? Nur bedingt, denn wer Frieden will, muss sich für den Krieg rüsten. Die KI hat die gleichen Siegbedingungen. Daher werden die Weiten der Galaxie von wütenden Vorgartenzwergen bewohnt, die sich gerne am Nachbarn reiben und Diplomatie für eine besonders pervertierte Auschweifung im Sexleben anderer Aliens halten. Besonders beliebte Traits, die bei der Erschaffung ausgegeben werden, sind "Fremdenfeindlich" und "militaristischer Voll-Honk". Diplomatie hilft dagegen nur bedingt, da die KI Schlampereien mit der Flottenstärke freundlich, aber bestimmt abstraft: "Hmm, du kannst ja gar nichts, dann komme ich doch auf einen Besuch vorbei!".


Oh je, die Diplomatie. Einer der Verkaufsargumente des Spieles ist, dass man von der Phase des Aufbaus mit viel Micromanagement auf einer Makroebene der galaktischen Politik landet, sprich: Man baut Sektoren, tut sich in Allianzen und Föderationen zusammen, heckt gemeinsam finstere Pläne aus und setzt diese um. Das gelingt bisher nur mäßig, denn die Optionen der Diplomatie sind bisher - soll sich mit den nächsten Patches ändern - etwas arg mau. Ehrlich eingestanden habe ich mich immer über die Sparversion der Diplomatie in Civilisation V lustig gemacht, wäre aber jetzt froh, wenn einige dieser Optionen in Stellaris vorhanden wären. Was ich jetzt aber schon in anderen Spielen missen werde: Man kann andere Herrscher Beleidigungen schicken... da ist auf jeden Fall noch viel kreativer Platz.

Die kurze Zusammenfassung galaktischer Diplomatie: "Keine temporär befristeten Zweckbündnisse möglich, nur Allianzen und Förderationen. Wann kommt es zu einer Allianz? Wenn das Ansehen hoch genug ist und alle Parteien sich im Frieden befinden. Vor allem im späteren Spiel bin ich am letzteren schon ein oder zweimal gescheitert: Die wenigen Allianzen, bei denen ein Beitritt möglich gewesen wäre, befanden sich im ewigen Krieg mit dem Rest der Galaxies. Yap, die wütenden galaktischen Vorgartenzwerge kamen nicht zu Ruhe. Die meisten Regierungsformen können übrigens maximal 3 Botschaften bauen, die eher kleine Beweise der Gunst sind, als wirklich Veränderungen in den Beziehungen hervorrufen.

Und meine Empfehlung? "Grand Strategy" ist das Spiel noch nicht, Diplomatie noch keine ernst zu nehmende Option und ein paar Verbesserungen in Sachen User Interface und Spielmechaniken stehen noch aus. Sobald Paradox in die Gänge gekommen ist und die nötigen Verbesserungen nachreicht, definitiv kaufen, die Basis des Spieles ist richtig gut.