Wednesday, August 22, 2012

Homo Smartphone

Die Nacht ist unmoralisch und die Möglichkeiten, die sich im Schutz der Dunkelheit bieten, sind ungezählt. Manches davon ist verwerflich, anderes grober Unfug und manchmal sind schauderhafte Balzrituale der Stadtbewohner zu beobachten, bei dem Fremdschämen eine ganz neue Bedeutung bekommt. Mit diesen Gedanken bewaffnet ging ich in froher Erwartung zu einer Festivität, deren Abschluss mit klassischer Musik aus turmhohen Boxen und Feuerwerk zelebriert wurde. Dazu Ansprachen über verstorbene Kulturschaffende, deren Namen Normalsterblichen nichts sagen - was will man mehr? Und siehe da: Das gemeine Volk tummelte sich schon in froher Erwartung an den Ufern der Donau. Eng umschlungen? Händchen haltend? Männliches Spontansteppen angesichts einer hübschen Frau? Nein, das war einmal. Der heutige Mensch ist die unterträgliche Verlängerung eines technischen Gerätes, dass unter den Namen Smartphone firmiert. Zur Bedienung braucht man im Regelfall zwei Hände und Konzentration, denn die rituelle Handlung der Sichtung von E-Mails, Facebook Einträge und SMS verlangt einiges ab. Das Zwischenmenschliche im realen Raum stört da eher, vor allem da das Ritual der Informations-Speisung mehrmals die Stunde durchgeführt werden muss. In der Wiederholung liegt die Kraft!


Aber man verstehe mich nicht falsch: Ich bin der erste, der den Prozessor in seinem Rechner heiratet, der es schafft mir einen anständigen Kaffee ungefragt zu richtigen Zeit auf den Tisch zu stellen. Technischer Schnickschnack liebe ich, die Abhängigkeit und Gleichschaltung, die jedoch mit einem Smartphone einher geht, schreckt mich eher ab. So auch bei dieser Festivität zu beobachten. Mit der ersten Rakete setzte auch schon die natürliche Reaktion des Homo Smartphone ein: Er hob das technische Gerätes gen Himmel, um dieses Erlebnis mit der Kamerafunktion zu dokumentieren. An sich nichts Verwerfliches, wenn diese Handlung jedoch viele Menschen zur gleichen Zeit vollziehen, bekommt die ganze Sache etwas Unheimliches. Erinnert sich noch jemand an die Ära der Science Fiction Filme bis Ende 70er? In Ermangelung an Kapital für Spezialeffekte wurde die Gleichschaltung der Menschen durch gemeinsam ausgeführte Handlungen dargestellt. Die Zuschauer des Feuerwerks hätten guten Statisten abgegeben: Das Smartphone hoch erhoben, ein entrücktes Lächeln im Gesicht und die Realität digital sicher verwahrt im Speicher, als Beweis, dass man dieses Erlebnis auch hatte.

Oder neulich Kino: Ein Freund und ich waren in einem sogenannten Cineplex um einen Film mit Explosionen, stumpfen Helden und Schenkelklopf-Scherzen zu sehen. Dauerhafte IQ Senkung schon durch die Werbung garantiert! Selbstredend gibt es einen Pause, damit der ermattete Zuschauer die Gelegenheit hat, sich Stärkung für den Rest des Filmes käuflich zu erwerben. Doch als das Licht anging, strömte die Menge nicht zu den Ausgängen. Nein... etwa 118 von 120 Menschen im Saal griffen in die Tasche, zückten Ihre Smartphones und waren damit beschäftigt die abgeschnittene Verbindung zur virtuellen Welt wieder herzustellen. Die zwei peinlichen Narren, die kein technisches Gerät zur Hand hatten... ihr könnt es euch denken.

Ich denke, dass ich den Götzen des digitalen Zeitalters schon genug gehuldigt habe, indem ich diesen Blog ins Netz gestellt habe. Den Knochen der Lächerlichkeit in Form eines Smartphones tue ich mir nicht an, schon alleine aus dem Grund, da dieses Telefon für alles ausser Telefonieren geeignet ist. Ok, ich gebe es zu... reiner Selbstschutz. Ich würde sofort und auf der Stelle diesem Gerät meinen Restverstand übereignen und als digitales geistiges Gemüse glücklich für den Rest meines Lebens dahin vegetieren. Die Masse kann sich nicht irren!