Friday, July 27, 2012

Viva a Pixação, arte como crime! (2)

Erfolgreiche Kommunikation mit dem Klassenfeind und seinem Stinkefinger setzt voraus, dass in einer gewissen Art und Weise die Sozialisation der anderen Gruppe nachvollzogen werden kann. Es ist praktisch die Zugangsvoraussetzung um Teilnehmer und Akteur in diesem sozialen System zu werden, oder: Erfolgreich mit der anderen Gruppe zu kommunizieren. Und genau da tut sich der Bildungsbürger schwer, denn Ausgrenzung, Armut und Diskriminierung werden von diesem oft mit einer morbiden romantischen Vorstellung verbunden. Der arme Mitbürger als edler Wilde, dem lediglich ein bisschen Bildung und Moneten fehlen. Die Faszination für untere Klassen und deren Kultur hat eine lange Tradition. Orwell zum Beispiel hatte die Arbeiterklasse geliebt und zwei seiner Werke darüber haben eine Menge Ruhm eingefahren: "Animal Farm" und "1984", wobei letzteres eher das Nachkriegs-England von 1948, als die ferne Zukunft beschreibt. Hehe, Orwell hat sein Leben lang darunter gelitten, dass er nie zu der unteren Klasse gehört hat, denn er konnte weder seine Aussprache, noch seine Erziehung verleugnen. Er hatte dadurch seine "Unschuld" verloren und konnte sein Paradies nur als leicht erkennbarer Besucher betreten. Die Upper Class war einfach zu stark in ihm. Aber warum in die Vergangenheit schweifen, wenn die Gegenwart doch so nahe ist. Ein William Deresiewicz hat einen recht aufschlussreichen und interessanten Artikel über Eliten und Erziehung geschrieben: "The Disadvantages of an Elite Education".



Daher das Zitat in englischer Sprache (Seid froh, dass er nicht auf Finnisch geschrieben hat):

"There he was, a short, beefy guy with a goatee and a Red Sox cap and a thick Boston accent, and I suddenly learned that I didn’t have the slightest idea what to say to someone like him. So alien was his experience to me, so unguessable his values, so mysterious his very language, that I couldn’t succeed in engaging him in a few minutes of small talk before he got down to work. Fourteen years of higher education and a handful of Ivy League degrees, and there I was, stiff and stupid, struck dumb by my own dumbness. “Ivy retardation,” a friend of mine calls this. I could carry on conversations with people from other countries, in other languages, but I couldn’t talk to the man who was standing in my own house."

Was William da beschreibt, ist nicht nur eine gute Verdeutlichung, dass die kulturelle Identität anderer erst einmal verstanden und gelernt werden muss. Es beschreibt auch eines der Grundprobleme der Kommunikation zwischen den Kuratoren, Galerienbesitzer, Sammler und den ausführenden Pixadores. Denn die Zeichen an der Wand sind eine eigene Sprache und die Häuser werden zu einer Zeitung, deren Nachrichten von anderen Mitgliedern gelesen werden können. Rauchzeichen, die erst verstanden werden, wenn man den "Informationswert des Inhalts" und die "Gründe, warum dieser Inhalt mitgeteilt wird", unterscheiden kann. Da diese Trennung von der Kultur-Bourgeoisie offensichtlich nicht vollzogen werden kann, da der kulturelle Hintergrund fehlt, wird die eigentliche Bedeutung negiert: Pixação reduziert sich für die Kulturbeflissenen auf eine bloße Wahrnehmung, was es natürlich möglich macht, sich diese Symbole anzueignen und - weil es nicht verstanden wird - zu Kunst zu deklarieren. Kurzum: Damit wird eine Wirklichkeit konstruiert, die mit der gelebten Realität der malenden Pudel nichts gemein hat.