Thursday, July 10, 2014

Random Rant: Tante Google greift zur Weltherrschaft

Einer meiner Lieblingsbeiträge im Blog ist "Augmented Reality: I have a bad feeling" und warum ich darüber schreibe, hat seinen Ursprung in der jüngsten Vergangenheit, genauer: Letzte Woche. Da standen vor meinem Arbeitgeber Jungs mit Smartphones in der Hand und haben ein vernünftiges Lokal gesucht, in dem man Essen bestellen kann, ohne einen Eimer dazu bestellen zu müssen. Eine App machts möglich und die Informationen dazu kamen von Tante Google, ahem... Google Places. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell sich die Zukunft in unserer Gegenwart einrichtet. Die Frage nach dem Wert der Informationen in unserer schönen neuen Welt bleibt nach wie vor, denn: Kann man den Informationen trauen? Bereitet euch wieder auf einen Text mit paranoiden Tendenzen und höheren Unfug vor!


Flat Earth Society presents: Information & Control

Auf Wired findet sich ein Artikel, in dem beschrieben wird, wie ein Restaurant in Washington in die Pleite getrieben worden ist und zwar mit Hilfe von Google Places. Der Besitzer war ein älterer Herr über die 70 Jahre und hat sich den Luxus geleistet, Erfindungen wie das Internet komplett zu ignorieren. Böse Buben und Mädels haben in Google Places einfach die Öffnungszeiten geändert, was nicht die schlechteste Idee ist, um einen Noob in die Pleite zu treiben. Erst als jemand den alten Knaben angerufen hatte und ihn gefragt hatte: "Warum hast du eigentlich Samstags, Sonntags und Montags zu?" wurde klar, warum seit längerer Zeit keiner mehr an Wochenenden in diesem Lokal etwas essen wollte. Was für eine wundervolle Geschichte, mit der man hausieren gehen kann, warum dieses Schicksal unausweichlich für einen Menschen ist, der vor 1980 geboren wurde. Die Zukunft gehört der jungen Generation, die sich das Smartphone in den nächsten Jahren zusammen mit einer Analsonde implantieren lassen, die Stromstöße verteilt, wenn man nicht Vegan genug lebt! Natürlich zählt der Bericht all die Fehler auf, warum dieser Restaurantbesitzer ein Narr war und warum Ignoranz vor der Realität nur bis zu einem gewissen Grad schützt. Im Grunde genommen, ist der Bericht eine einfache und simple Parabel des Informationszeitalters, welche das Ego der Wired Leser schmeichelt: "Ich bin mit dem Internet aufgewachsen, mir passiert das nicht!". Ach ja? Wenn das mal keine Illusion ist, oh mächtiger digital Native. Denn das Interessante an der Geschichte sind nicht die Unzulänglichkeiten eines alten Mannes, der aktuelle technische Entwicklungen verschlafen hat, sondern dass das Internet auch in unser Leben eingreift, wenn wir es nicht benutzen oder uns diesem verweigern. Und vor allem dann, wenn wir glauben, eine Firewall und ein paar auf "Privat" gestellte Optionen bei Facebook sind ein Garant der Freiheit und Unabhängigkeit.

Für mich aber führt die Geschichte direkt zur Frage, wer die Kontrolle über die Informationen und damit über unser Leben hat. Auch wenn der geneigte Leser jetzt den Kopf schütteln mag: Um das zu verstehen, muss man nicht die jüngste Vergangenheit untersuchen, sondern zum Beginn unseres Informationszeitalter gehen, welches mit dem Buchdruck im 15. Jahrhundert begann. Und das war eine höllische effiziente Erfindung, die umfassende gesellschaftliche Umwälzungen nach sich gezogen hat: Massenhafte Reproduktion von Wissen und die daraus geborene Notwendigkeit Lesen und Schreiben zu lernen. Der Buchdruck hat die Menschheit zu großen Teilen aus aus dem Joch derjenigen befreit, die für uns die Welt interpretiert haben. Und das Internet? Führt uns geradewegs in die dunkle Zeit davor zurück. Es gab in Frankreich Gegenden zum Beispiel, da wurde von der Kirche den Menschen das Lesen lernen verboten. Das gemeine Volk hätte sonst die Möglichkeit gehabt, die Bibel selbst zu lesen und eigene Schlüsse daraus zu ziehen. Den Pfaffen und Bischöfen war wohl bewußt, dass in guter Teil ihrer Macht auf den exklusiven Zugang zu der heiligen Schrift beruhte: Was am Sonntag von der Kanzel gepredigt wurde, hat die Welt in den Köpfen der Menschen geformt, den Klingelbeutel gefüllt und die Schwarzberockten an der Macht gehalten. Und die Kirche hat recht gehabt: Der freie Zugang zur Information und die Möglichkeit, diese selbst zu deuten und zu interpretieren, ist schon immer das gewesen, was aktuelle Machthaber in ihrer Position gefährdet hat, frei nach einem alten Märchen: "Der Kaiser hat ja gar keine Kleider an".

Was wir wissen, formt unsere Sicht der Realität - wie zum Beispiel die Öffnungszeiten eines Restaurants. Und das ist keine Erkenntnis, die besonders neu ist. Schon die alten Griechen haben davon gesprochen, dass wir die Welt nicht durch unsere Sinne begreifen, sondern durch Ideen, die wiederum von der vorhandenen Erfahrung und Wissen beeinflusst werden. Genügend Erfahrung mit der Gastronomie hätte vielleicht den einen oder anderen Gast stutzig machen müssen: Ein Fresstempel, der an den traditionell stärksten Umsatztagen geschlossen hat? Nun, wie wir wissen, ist Google Places und das Internet ein Hort der Wahrheit. Wer das bezweifelt, wird wohl sich seinen eigenen Eimer mit in ein unbekanntes Restaurant nehmen müssen, oder? Spass beiseite, durch diese "Ideen" entsteht in Abhängigkeit der schon erwähnten Erfahrung und Wissen ein Abbild der Realität in unseren Köpfen - ein Romantiker und ein Meterologe stehen vielleicht im gleichen Sonnenuntergang, aber was in ihren Köpfen dadurch ausgelöst wird, kann sich derbe unterscheiden. Und das ist der Segen und Fluch der Menschen zur gleichen Zeit: Ideen sind nicht wertfrei, sondern bekommen ihre Werte durch die Gesellschaft, in der diese entstehen und eingesetzt werden. Da Amerika ein paranoider militaristischer Staatenzusammenschluss ist, deren Bevölkerung aus einem großen Prozentsatz an religiösen Wahnsinnigen und Fundamentalisten besteht, braucht man sich nicht zu wundern, dass diese das Internet als Instrument zur Überwachung und Manipulation der Bevölkerung begreifen, die von ihren Werten abweicht.

Salopp gesagt: Die Kontrolle der Information war schon immer ein Werkzeug der herrschenden Klasse gewesen und der Mangel daran ihr Untergang. Wer sich noch an 2010 und Tunesien erinnern kann: Die Massenunruhen wurde durch die Verbreitung von Information ausgelöst, über ein Medium, dass die Regierung nicht kontrollieren konnte. So hat ein einfacher Gemüsehändler mit seiner Selbstverbrennung aus Protest gegen die Staatsgewalt eine Revolution und Massenunruhen auslösen können, die sich wie ein Flächenbrand durch den Nahen Osten zogen. Kein Wunder, dass viele Länder versuchen ihr eigenes Internet aufzuziehen, in dem sie kontrollieren können, welche Informationen die Menschen zu sehen bekommen. Auch wenn diese finsteren Schergen der Macht mit allem Fleiß daran arbeiten mögen: Sie sind viel zu spät - 90% der User im Internet nutzen die Suchmaschine von Google, die mit etwas Boshaftigkeit vermutlich diese Machthaber wöchentlich stürzen könnten. Aber damit schließt sich der Kreis: Die Erfindung des Computers und die Entstehung des Internets sind nicht nur der Höhepunkt des Informationszeitalters, das mit dem Buchdruck begonnen hat, sondern gleichzeitig das Ende und ein Rückfall in die Zeit vor dem Buchdruck. Was wir Menschen jeden Tag mehr und mehr verlieren, ist die Kontrolle darüber, welches Wissen, welche Information, welche Wahrheit wir zu sehen bekommen. Zwei Menschen, die mit gleichen Begriffen die Suchmaschinen nutzen müssen nicht zwangsläufig die gleichen Ergebnisse zu sehen bekommen. Diese sind abhängig davon, was wir in der Vergangenheit angesehen haben oder welche Stichwörter in unseren Email-Accounts zu finden waren. Noch raten die Algorithmen, was wir zu sehen wünschen, aber es ist eine Illusion anzunehmen, dass in naher Zukunft diese Macht nicht dazu genutzt wird, um genau das Gegenteil zu bewirken: Wir bekommen das zu sehen, was die Obrikeit oder die grauen Eminenzen im Hintergrund wünschen.