Sunday, October 18, 2015

Rant eines Handlungsreisenden: Flaschenpfand ist meine Zukunft

Bahnhof ohne Jubelperser
Ich habe mich von meinem idyllischen Kleinstadtleben in Bayern wieder einmal verabschiedet und bin im Auftrag des lauteren Kapitalismus in die Weiten Deutschlands gezogen, genauer: Eine Geschäftsreise. Glanz und Elend liegen hier nahe bei einander, was vor allem für die Stadt meines derzeitigen Aufenthaltes gilt. Dortmund, nicht ganz so malerisch und Heimat eines Fußballvereins, auf dem die Hoffnung ruht, die Dominanz des FC Bayerns zu brechen. "Ein vergebliches Hoffen, lasst ab davon!" rief ich dementsprechend beim Eintreffen auf dem Dortmunder Hauptbahnhof den jubelnden Scharen von Fans zu. Natürlich in reinem Hochdeutsch, denn eine bayrisch sprechende Cassandra wäre verdächtig, kurz: Fürchte die, welche dich fürchten! Aber eigentlich wollte ich in diesem Beitrag nicht den Fußballverein meines zeitweiligen Domizils "dissen", sondern von einer Erfolgsgeschichte anderer Art erzählen: Das Funktionieren des Pfandsystems von Flaschen und warum dieses einen seltsamen Beigeschmack für mich hat.

Meine aktuelle Wirkungsstätte liegt direkt in einer der modernen "Sehenswürdigkeiten", die Dortmund zu  bieten hat - eine recht große Fußgängerzone, wobei gefühlt jeder dritte Laden Kaffee und belegte Brötchen verkauft. Die historischen Bauten kann man übrigens an einer Hand abzählen, nachdem Dortmund im zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche gelegt worden ist. Das war eine richtig üble Geschichte, aber der Mangel an historischer Bausubstanz schützt die Menschen des 21. Jahrhunderts vor der Heuchelei, an alten windschiefen Bauten Interesse bekunden zu müssen. An Samstage verwandelt sich die Fußgängerzone in einen riesigen Markt, der nicht nur Gemüse in Massen verkauft, sondern auch den eher seltenen Berufen wie Scherenschleifer oder "Religiöser Wahnsinniger" eine Plattform bietet. Den Klassiker mit "Betet, das Ende ist nah!" hatte ich schon lange nicht mehr vor meiner Nase, war ein unterhaltsamer Vormittag! Was die Agitation und Mitglieder- oder Unterschriftenwerbung angeht, ist für jeden Geschmack etwas vorbei: "Stoppt den Organhandel in China", "Esst mehr Steinsalz", "Rettet <insert cute animal baby>!" oder "Benimm ist keine Schande!"

Ein buntes Treiben und da ich noch Raucher bin, stehe ich mit den anderen Schandflecken der heutigen Gesellschaft regelmäßig in der Fußgängerzone um die aufgestellten Mülltonnen mit integriertem Aschenbecher. Jo, Bro! In da hood! Natürlich weiß ich, dass die großen haarigen Eier mit Zigarettenkonsum auf Erdnussgröße schrumpeln und jeder Zug an einer Zigarette den Tod eines süßen Katzenbabies auf der Welt zu Folge hat. Daher werde ich in den Untiefen der Hölle schmoren, da ich auch dem Essen einer Currywurst (FLEISCH!!! Mörder 11!!11!!EINSELF1!!) nicht widerstanden habe. Dieses liderliche Verhalten gibt uns jedoch Einblicke in die Randbereiche menschlicher Gesellschaft, welche unseren veganen, politisch korrekten Sportsfreunde mit dem nachhaltigen Job und dem Sojamilch-Latte eher selten haben, wie zum Beispiel das Pfandflaschen-System.

Sobald man in der Fußgängerzone länger als 5 Minuten an einem der heimeligen Mülleimer steht, kommt jemand vorbei und wirft einen gründlichen Blick in den besagten Müllbehälter. Und nein. Es ist nicht nur der klassische Landstreicher, dessen Klamotten 10 Meter gegen den Wind stinken. Vom distinguierten Herrn mit geputzten Schuhen und Anzugshose, Penner, junge und alte Leute, Männer, Frauen und Aliens: Das Plündern von Mülleimern in Fußgängerzonen ist eine allgemein akzeptierte Einkunftsquelle.

Eigentlich eine einfache Geschichte. Die Gesellschaftsmitglieder, die es sich leisten können, werfen die Pfandflaschen ohne Reue weg, und jene, die nicht genug Geld für die Butter aufs Brot haben, sammeln diese auf. Man kann zwar nicht gut von Brotkrumen leben, die vom gedeckten Tisch der Arbeitnehmer fallen, aber es ist eine Möglichkeit die steigenden Lebenshaltungskosten, die nicht von Hartz IV oder der Rente abgedeckt werden, auszugleichen. Das Pfandsystem funktioniert in Großstädten also gut, auch wenn ursprünglich von einer anderen Intention des Flaschensammelns ausgegangen wurde.

Keine Panik! Es wird hier kein Jammern über die Ungerechtigkeit in dieser Welt geben, denn wie wir wissen wirft uns die Existenz nicht unbedingt in ein Leben, dass wir uns auch wünschen. Armut und Reichtum existieren und es wird immer Menschen geben, die beide Extreme an den entgegengesetzten Enden des Spektrums abdecken. Das ist eine bittere Tatsache, aber ist so unveränderlich wie das Leben selber. Die Frage ist lediglich, wie eine Gesellschaft mit dieser Tatsache umgeht und mich interessiert vor allem die Frage, wie eigentlich unser Wirtschaftssystem und soziale Marktwirtschaft funktioniert.

Jo, klar: Wikipedia erklärt uns die Theorie, Reste einer Schuldbildung tun ihr übriges. Was Wikipedia und die Säulenheiligen des Kapitalismus uns jedoch nicht erzählen, wie unsere derzeitige Wirtschaft in 20 oder 30 Jahren noch funktionieren soll. Ewiges Wachstum? In einem geschlossenen System nicht möglich und die Weltwirtschaft existiert in einem geschlossenen System: Die Erde. Dazu der Unfug die Zivilisation auf einer vergänglichen Resource wie das Öl aufzubauen und die Tatsache, dass Wachstum nicht gleich Reichtum ist. Um ehrlich zu sein habe ich Schwierigkeiten, aktuelle Entwicklungen zu extrapolieren. Mir persönlich fehlt die Verstandeskraft eine mögliche Zukunft zu zeichnen, in der große Teile der Menschheit nicht am Hungertuch nagen. Ob ich Pfandflaschen sammeln muss oder nicht, darüber habe ich nur wenig Einfluss und je mehr ich mich dem Rentenalter nähere, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich zur Erfolgsgeschichte der besagten Pfandflaschen beitrage. Ich habe mich schon lange von der Illusion der konservativen Parteien verabschiedet, dass wer Arbeit will, auch eine findet. Was im übrigen eine idiotischen Aussage ist: Bei 8 Millionen Arbeitslosen und 2 Millionen offenen Arbeitsstellen... wohl dem, der Rechnen in der Grundschule hatte.

Nun, wohin geht die Reise, oh Menschheit? Ich zumindest weiss es nicht und kann nur in all meiner Naivität Fragen stellen, die unzureichend beantwortet werden. Auf der einen Seite die immer besser umgesetzte Absicht der Unternehmen, die menschliche Arbeitskraft auf ein Minimum zu reduzieren. Als Unternehmen, dass mit Gewinn arbeiten muss, ist das selbstverständlich und überlebensnotwendig, denn das Teuerste in der Herstellung eines Produktes (Materiell, Virtuell) ist die menschliche Arbeitskraft. Dazu packe ich eine immer schneller wachsende Weltbevölkerung und die Tatsache, dass auch ein guter Teil der Dienstleistungsbranche verschwinden wird. Sobald Siri & Co "erwachsen" geworden sind und Anfragen, sowie technische Hilfestellungen ohne größere Probleme und Hilfestellung durch den Menschen gelöst werden können, wird Rom brennen. Das dies passieren wird, steht ausser Frage - lediglich wie schnell es gehen wird, bleibt im Raum stehen.

Hart gesagt: Ich bringe gerade in diesem Moment Menschen Sachen bei, die in ein paar Jahren obsolet sind und dann von Maschinen schneller und preiswerter erledigt werden. Eventuell sollte ich über Effizienz des Pfandflaschensammelns und die Optimierung von Wegstrecken Vorträge gegen teuer Geld halten. Aber wenn ich es mir recht überlege, ist das auch keine gute Idee. Um Bruce Sterling noch einmal sinngemäß zu bemühen: "There will be an app to make that better. Next Year!".