Saturday, July 7, 2012

Fug und Unfug (2)



Die Wurzel des Übels, dass Logik und Objektivität der Schlüssel ist um die Welt zu verstehen, liegt für mich bei Descartes. Genauer: Seine Vorstellung von einem mechanistischem Universum, in dem mehr oder weniger einfache kausale Zusammenhänge existieren, und das sich mit Versuch und Irrtum, durch zweiwertige Logik und Ausschluss erklären läßt. Dort ist die Ursache, hier ist die Wirkung. Seht ihr? Die Welt ist nicht so kompliziert wie wir denken, nur keine Panik! Hier kommt der Erklärbär und steppt fröhlich zum Beat der hundsgemeinen Logik ein Tänzchen der Erklärung.

Aber so funktioniert die Welt für mich nicht mehr, denn viele Sachen lassen sich nur mit Hilfe der Emotionen - das Irrationale - begreifen und erklären. Mein Verstand, das Rationale und die Logik sind da nur unzureichende Werkzeuge. Wir können beispielsweise dem Aufbau eines Musikstückes mit einer intellektuellen Analyse auf den Leib rücken, erklären warum hier c-Moll Sinn macht und dort die Subdominante eine grauenhafte Idee ist. Was mir aber keine intellektuelle Leistung meines eigenen oder fremden Verstandes bisher erklären konnte, ist: Warum kann Musik meine Seele auf eine Art und Weise berühren, dass ich heulend auf die Knie falle und vor ihrer Schönheit kapituliere? Was ist mit den Bildern, die mich auf eine unerklärliche Art und Weise ansprechen? Mein Verstand kann es nicht greifen, aber doch kann ich es fühlen.


Was sich definitiv nicht mit Logik und Verstand erfassen läßt, sind Erfahrungen, die ich mit Zen gemacht habe, sprich: Mit Pfeil und Bogen, aber ohne Lendenschurz und Federn im Haar. Da hat sich der kleine Romantiker in mir gedacht: Ein wenig Mystik im Alltag, das Wiederherstellen des ramponierten Selbst im schwierigen Willhelm Tell Stil... dass muss probiert werden. Die Frauen werden mir zu Füßen liegen und die Feinde mich fürchten. Meiner Treu, bin ich überrascht worden, als das "Nichts" zugeschlagen hatte. Mit Worten ist das schwierig zu erklären, vor allem, wenn man nicht wie ein Mondsüchtiger auf Speed klingen will. Es war ein Moment, bei dem ich eine bewußte Wahrnehmung aller Details des gesamten Vorgangs hatte, aber nicht daran dachte. Ein paradoxer Zustand, der eine Gleichzeitigkeit von Dingen zuließ und umfasste, die sich gegenseitig ausschließen. Der gelassene Gott der Realität zieht einem die Bratpfanne des größeren Unverständnis lächelnd über den Schädel. Argghh, ich wußte es: Das klingt nach einem Mondsüchtigen auf Drogen. Matrose, werft Ihn über Bord! Und nein, ich bin nicht zum Erleuchtenden geworden oder ins Nirwana abgewandert: Eine Zufälligkeit in meinem Dasein, die sich bisher nicht wiederholt hat. Aber dieser kostbare Augenblick - mehr war es nicht - hat mich etwas gelehrt: Das cartesianische Denken ist nicht das Maß aller Dinge und der Verstand wird nicht alleine die Welt aushebeln.

Was mich wiederum zum kritischen Denken führt, denn einer der Sachen, die mich in diesem Gedankengebäude zwiebeln, ist das nicht hinterfragte Loblied auf den Verstand, die Logik und die unheilvolle Verknüpfung mit moralischen Komponenten und Heilsversprechen, die nicht nur zwischen den Zeilen zu finden sind. Ich umschreibe mal die Aussagen vorsichtig:

"Befolge die Regeln des kritischen Denkens und die Qualität deines Denkens und deines Lebens wird steigen. Bescheidenheit und Demut wird aus einer überlegenen intellektuellen Perspektive heraus im Anwender des kritischen Denkens erwachsen, da diese Perspektive durch die Anwendung der Regeln und die daraus folgende Einsicht gewonnen wird."

Nun, das ist ja mal was Neues: Logik führt zur Bescheidenheit und diese zur Erleuchtung. Wäre ja ein erstes Mal, eine Premiere sozusagen. Ich frage mich, ob ein bescheidener kritische Denker ein besserer Denker als ein Angeber ist? Mal sehen... reiten wir einmal unfair auf den moralischen Aspekten und den Glaubensüberzeugungen des Kritischen Denkens herum, denn  Fairness ist dort ein wichtiger Begriff. Eine der Grundannahmen des kritischen Denkens ist es, dass der Mensch Rechte und Bedürfnisse seiner Mitmenschen gering achtet und die Grenzen seines eigenen Standpunktes rücksichtslos zieht. Der im kritischen Denken nicht trainierte Mensch ist sich der eigennützige Perspektive seines Selbst meistens nicht bewußt und der Grund hierfür liegt in der Natur des Menschen: Homo homini lupus. Zudem wird der Mensch mit der ihm eigenen  Subjektivität geboren und untrainiert mangelt es ihm an Wissen und Willen, davon abzulassen. Nur durch Erkenntnis und Objektivität kann sein egozentrisches Denken und der Egoismus von Gruppen überwunden werden. Bescheidenheit durch Einsicht, quod erat demonstrandum. Das Interessante aber an dem Konstrukt "kritisches Denken" ist in meinen Augen die nahe Verwandschaft zur Lehre der Erbsünde, die ein Augustinus von Hippo in die Welt gesetzt hat. Auch er sprach von einem innewohnenden Mangel des Menschen, der sich aus dessen Herkunft und dem Makel der Geburt ergab: Das Böse kommt in die Welt durch den Leib der Frauen, hrhr.... (Anmerkung des Setzers: Was für ein Arsch). Ohne geistige Führung und die Hilfe Gottes mangelt es dem Menschen an Wissen und Willen vom Bösen abzulassen. Und nur durch die rechte Lebensführung kann das Böse überwunden werden.

to be coninued...