Monday, June 17, 2013

Hochwasser: In eigener Sache

Wir leben in interessanten Zeiten. Vielleicht manchmal ein wenig zu interessant, sage ich mal als jemand, der direkt an der Donau wohnt. Der Ausblick auf das liebliche Ufer der Donau ist um Vielfaches schöner, wenn kein Zuviel an Wasser die Landschaft versaut. Ich weiß, der gewöhnliche Hochwasser-Tourist mit Kamera und Smartphone wird das anders sehen. Was mich im Rückblick wundert ist, dass diese Spezies uns als Ureinwohner am Wasser keine Glasperlen für einheimische Erzeugnisse angeboten haben. Aber ich will mich nicht beschweren: Meine Nachbarn und ich gehören zu den Anwohnern, die mit einem blauen Auge davon gekommen sind. Sandsäcke, die klassische Opferung der Erstgeborenen, ein Damm der gehalten hat und unverschämt viel Glück ließen den Kelch an uns vorübergehen, genauer: Ein Zentimeter mehr und es wäre Schicht im Schacht gewesen. Und das Glück hielt an: Bei einem der Unwetter hat zudem noch der Blitz eingeschlagen und es gab keine Verletzte oder einen Brand. Der sogenannte Blitzableiter ist über eine Strecke von drei Häusern praktisch verdampft und bis auf Router, Computer, Fernseher, Thermen und allerlei anderem elektronischem Gerät sind keine weiteren Sachschäden zu beklagen. Auch wenn es eine finanzielle Härte für den einen oder anderen darstellt: Das läßt sich alles über die Zeit ersetzen - jeder ist gesund und putzmunter, was letzten Endes das einzig Wichtige ist.

Andere Bewohner der Flußauen sind nicht so glimpflich davon gekommen und auch wenn es im ersten Augenblick zynisch klingen mag: Die Flut hatte viel Gutes. Sie zeigt, dass das oft negative Bild von unserer "Geiz-ist-geil!" Gesellschaft nur bedingt richtig ist. In Zeiten der Not kann man sich auf die Solidarität und Hilfe seiner Mitmenschen doch verlassen. Auch wenn man es im Alltag mit den Troglodyten in der Nachbarschaft, der buckligen Familie, Misanthropen am Arbeitsplatz, dem Finanzamt oder den Wahnsinnigen auf der Autobahn oft vergessen wird: Kooperation und die - manchmal ziemlich tief begrabene - Bereitschaft zu helfen ist dem Mensch eigen. Helfen ist eine klasse Geschichte, die nicht nur ein gutes Kharma bringt oder eine Geschichte für das Dinner zu zweit aka "Kleines, ich habe die Schaufel bei der schlimmsten Flut seit 500 Jahren geschwungen...".  sondern läßt auch Sonne in unsere Herzen scheinen.

Und mit dieser Sonne im Herzen, einem Klingelbeutel und guten Vorsätzen bewaffnet zog ich los, um ein paar überflüssige Kröten im Geldbeutel meiner Mitmenschen zu lockern, genauer: Menschen in unserer Stadt zum Spenden bewegt. 5 Euro oder 200 Euro - egal, der Gedanke und die Geste zählt. Aber wie das Leben so spielt: "Du kommst du spät, ich habe schon meinen Zehnt abgetreten". Die Evangolen, Katholen, Welthunger-Hochwasser-Noma-hungernde-Kinder-<insert any fate>-Organisation haben sich praktisch die Klinke in die Hand gedrückt. Helfen ist ein Geschäft geworden, von dem man gut leben kann: Die Anzahl an professionellen Organisationen und Halunken, die mit dem Klingelbeutel umherziehen, sind Legion. Und nicht nur in der analogen Welt des Fleisches. Den Nutzen und guten Willen möchte ich vielen Organisationen gar nicht absprechen, aber es hinterläßt ein komisches Gefühl im Bauch. Katastrophen und persönliche Schicksale als Motor, der das Geschäft brummen läßt. Eine Geschäftsidee, bei denen Hilfsbedürftigen eher unwichtig geworden sind. Jährliche Umsätzen, die in die Milliarden gehen. Webseiten, die es einem ermöglichen eigene Spendenaktionen zu erstellen und die Spenden auf die richtigen Konten bringen. Kategorien, die sich nach Land, Erdteil und Katastrophen sortieren lassen: "Darf es diesen Monat eine Brandkatastrophe in Asien sein? Oder doch lieber Europa und die Obdachlosen? Für jeden Geschmack und ethnische Vorliebe haben wir für Sie Katastrophen zur Hand!" Wie gesagt, das hinterläßt mir alles ein seltsames Gefühl, nicht zuletzt wenn ich den einen oder anderen "Erfahrungsbericht" von Verantwortlichen durchlese, die mit der Flutkatastrophe zu tun hatten. Anscheinend schützt die Arbeit in einer Hilfsorganisation kombiniert mit gutem Willen nicht vor Lernresitenz...

to be continued