Sunday, March 30, 2014

Blasmusik und alte Säcke - der Versuch einer Glosse (1)

Betriebsfeste mit einem Motto sind Veranstaltungen, die ein aufrecht gehender Mann von Verstand eigentlich meiden sollte. Vor allem, wenn es ein bayrischer Abend im tiefsten Bayern ist: Kokolores und Folklore haben nicht nur die Vokale gemeinsam, sondern bilden oft ein Duo des Grauens, dass sich selten über weißblaue Tischdekoration, Brezen und Radi hinausbewegt. Mit der gelebten Wirklichkeit eines Bayern und seiner Kultur hat das nur wenig gemein. So sind dem Aufruf zur bayrischen Verkleidung dann meist die Zugereisten aus Restdeutschland nachgekommen, während der gewöhnliche Bayer - ohne Tracht - in sein Bier gegrantelt hat.

Ich weiß es nicht, wie es den anderen mutigen Mitstreitern des bayrischen Abends ergangen ist, die ein Schweineschnitzel bestellt hatten, meines war ein klassisches Rentner Essen: Das Schnitzel konnte man mit der Gabel unter leichtem Druck zerteilen, Pfeffer und Salz sind für den Koch exotische Gewürze und deshalb in einem traditionellen Essen überbewertet. Der Kartoffelsalat kam vom Eimer aus dem Kühlhaus direkt auf den Teller, verfeinert von einem Gurkenabrieb. Dazu noch ein Blaskapelle, die während des Essens unsere Tische direkt beschallt hat und jeden Versuch einer Unterhaltung im Keim erstickt hat. Alles zusammen eine fürchterliche Kombination und es hat nicht lange gedauert, bis ein kleiner Haufen von Verzweifelten sich auf die Flucht begeben hat. Als letzte Bastion des Widerstands gegen die organisierte Fröhlichkeit wurde ein Tisch vor der Lokalität ausgewählt und alsbald fand man sich in erquicklichen Gesprächen wieder. Habt ihr gewußt, dass man anhand der Position der Schleife an einer Tracht herausfindet, ob es sich um eine Witwe oder Single handelt? In einer Horde von Frauen bekommt man das Rüstzeug für eine zweite Karriere als Heiratsschwindler, glaubt es mir. Natürlich kam es auch zur einer Frage, die man als älterer Herr in Gegenwart von Frauen fürchtet: "Wie alt bist du denn?" Da gibt es verschiedene Strategien. Ich persönlich bevorzuge die Strategie der ehrlichen Antwort, bei der man dann so erbauliche Sätze hören kann, wie "Und du kannst noch alleine über die Strasse gehen? Sehr beeindruckend! Du hast dich fantastisch gehalten!" Danke Mädels, genau das, was ich hören wollte. Der alte König verbeugte sich noch einmal und schritt mit dem letzten Rest seiner Würde von dannen. Natürlich habe ich weder abgedankt, noch diesen Satz gehört... ihr müsst mich schon von meinem Thron der Ignoranz stürzen, junges Volk!


Und wie es so ist, sind die Gedanken auf dem Weg nach Hause gewandert und sind - unabhängig von den Gesprächen des Abends -  tatsächlich beim Thema "Alter & Gesellschaft" hängen geblieben. Auch wenn ich gerne mit meinem Alter kokettiere und dieser ganzen Sache mehr als entspannt gegenüber stehe, ertappe ich mich zuweilen dabei, dass ich ein indifferentes und zwiespältiges Gefühl zum Älterwerden und alten Menschen habe. Wen wundert es, wenn die Gesellschaft in der Regel nur die medizinischen Sicht des Alterns diskutiert: Rollator, Instabilität und Inkontinenz sind ab dem 35. Lebenjahr akut, Ausschluss aus der Gesellschaft aufgrund von Intelligenzabbau spätestens ab dem 50. Lebensjahr. Nun, da ich auf einem Betriebsfest mit einem Motto war, trifft zumindest der Intelligenzabbau auf mich zu. Einen Kran um den Bauch gebunden, mit dem ich den kleinen Johannes in Höhe hebe, bedarf ich noch nicht und kann mich sogar rühmen, dass ich meine Einkäufe für die Woche alleine nach Hause tragen kann, ohne Zwischenstation auf dem Klo machen zu müssen. Aber es ärgert mich ungemein, wenn ich mich zu einer rein medizinischen Sicht der Dinge hinreissen lasse.

Dazu muss man wissen, dass ich vor langer Zeit für ein paar Monate in einem Altersheim gearbeitet hatte. Ich war damals jung, brauchte das Geld und das Gebäude einen neuen Anstrich. Ein fairer Tausch und erst später wurde mir wirklich bewußt, dass ich mehr als Geldscheine in die Hand gedrückt bekommen habe. Als die Farbe trocken war und ich meiner Wege zog, hatte ich ein paar erstaunliche Tatsachen über alte Menschen und das Alter gelernt. Ich habe Erfahrungen mitgenommen, die ich heute für wesentlich wertvoller als den Lohn halte, den ich damals bekommen habe. Einer dieser Tatsachen ist: Obwohl unsere Körper zerfallen mögen, die Seele und unsere Emotionen werden nicht alt. Vor diesem Job hatte ich mir ehrlicherweise keine großen Gedanken über das Alter gemacht. Verständlich, denn wenn man jung ist, dann weiß man alles und Unsterblichkeit ist im Leben mit inbegriffen. Der alte Mensch hingegen hat keine Träume mehr, keine großen Wünsche und mit dem physischen Verfall des Körpers wird auch die Gefühlswelt immer schwächer. Aber die Wirklichkeit war eine andere und geht über das reine Physische und Rationale hinaus. Der Sack voller Vorurteile, den wir mit durchs Leben schleppen, macht uns oft gegenüber der Wahrheit blind. Deshalb war ich ein konsterniert, dass ich anscheinend in eine Art Schullandheim für alte Leute geraten bin. Eifersuchtsdramen, Zettelchen unter der Tür, Rivalen, die mit ihrem Krückstock aufeinander einschlugen, Freude, Trauer und Morddrohungen gegen den Koch, kurz: Die volle Breitseite an menschlichen Reaktionen, die wir alten Menschen in einer gewissen Art und Weise oft nicht zugestehen. Aber warum?

/to be continued