Sunday, June 17, 2012

Den Propheten Lügen strafen

Die Unvernunft des Irrsinnigen liegt nicht im Mangel an Verstand.
Gilbert Keith Chesterton

Das Internet als Raum, in dem wir uns frei bewegen und prinzipiell jede Information abrufen können, die es gibt, ist ein Ideal, dass wir als Weltgemeinschaft anstreben sollten, vermutlich aber nicht erreichen werden. Denn das Internet ist schon lange kein Raum mehr, in dem man sich frei bewegen kann. Die Gitterstäbe sind vielleicht für die meisten Benutzer unsichtbar, aber es gibt sie und es werden täglich mehr.  Es haben sich sicher schon einige den Kopf daran blutig geschlagen und vergeblich daran gerüttelt. Aufgestellt werden diese unsichtbaren Käfige durch die Regeln, die sich aus einem Bündel von Statistiken ergeben. Diese wiederum durch die Verknüpfung von Informationen, die aus den digitalen Spuren gewonnen werden, die wir im Internet hinterlassen. Es ist eine Prognose oder Voraussage unserer zukünftigen Handlungen und entscheidet über die Vergabe von Krediten, was wir für Ergebnisse in der Suchmaschine bekommen, welche Werbung uns präsentiert wird oder welche Zahlungsweise wir bei dem Online Händler unserer Wahl benützen dürfen. Statistiken sind die Propheten des Internets, die Auguren der Herrscher und das führt uns wiederum zu Gilbert Keith Chesterton, der ein kurioser Mann mit vielen Gegensätzen war.


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Einer seiner Marotten war, dass er Propheten aller Art verabscheute. Seiner Meinung nach alle Menschen, die sich durch Visionen, Intuition oder die Stimme eines Gottes im Kopf dazu berufen fühlen, öffentlich krude Vorstellungen von sich zu geben. Krude Vorstellungen? Dazu öffentlich? Das würde ich als Blogger nie machen! Aber obwohl ich keine Stimmen in meinem Kopf höre, bin ich schuldig, dass ich mir zuweilen künftige Entwicklungen vorstelle und diese mit einem 10er-Blocksatz-Bleiwüste in die Welt setze. Und werde überrascht, dass diese schon lange Realität sind. Wie zum Beispiel im Beitrag "On the Internet, everybody knows You're a Dog". Da hatte ich mich mit der Gedankenspielerei beschäftigt, wie ich Anonymität im Internet erreichen kann und bin zu dem Schluss gekommen, dass die Verweigerung von Daten in höchstem Maße verdächtig ist. Dazu habe ich ein grauenhaftes Interview mit dem sinnigen Titel "Biedere Social-Media-Profile mindern Jobchancen" entdeckt:
"Es gibt eine Erwartungshaltung, wie ein Social-Media-Profil auszusehen hat. Wird die nicht erfüllt, wirkt das verdächtig... "

In der Tat: Verdächtig. Und von der Gegenseite bestätigt. Die sogenannte Experten im Artikel empfehlen das Profil mit "ausgewählten Farbtupfern aus dem Privatleben" zu versehen. Aha, das Profil frisieren, fälschen, verschönern und einen Guttenberg abliefern? Was ich interessant finde, dass hier von einer Erwartungshaltung gesprochen wird. Wenn ich diese nicht erfülle, bekomme ich den Job nicht. Wie sieht denn diese Erwartung aus? Was sind deren Grundlagen? Und vor allem: Gibt es Glaubwürdigkeitsflecken im Profil?  Und was zur Hölle hat dann der olle Chesterton, der vor über 100 Jahren Geschichten in die Welt gesetzt hat, mit dem Internet zu tun?

Chesterton beschrieb in einem Vorwort seiner Bücher - Der Held von Notting Hill - das älteste Spiel der Menschheit mit dem schönen Namen "Den Propheten Lügen strafen".  

 "Die Mitspieler in diesem Spiel hören sehr genau auf die Worte und Ideen kluger Menschen, die aufdecken, was in der heutigen Welt falsch ist und in der nächsten Generation geschehen muss. Die Mitspieler warten dann, bis die klugen Männer und Frauen tot sind, begraben sie feierlich und tun dann das genaue Gegenteil." 
Einen Propheten Lügen zu strafen, heißt: Ihn als Scharlatan zu entlarven. Das hat den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass man sich hinterher keine Vorwürfe machen muss, dass man nicht auf ihn gehört hat. Ein Selbstschutzmechanismus des einfachen Volkes, der auch sehr gut vor Weisheit und Einsicht schützt. Und dieses Spiel hat sehr lange und ziemlich gut funktioniert. Die Scharlatane unter den weisen Männern und Frauen sind durch die Kraft dieser Beweisführung zahlreich in der Geschichte (quod erat demonstrandum) und ohne Einsicht lebt es sich auch recht prächtig. Ich frage mich nur, ob Ignoranz und der Glaube, dass nur meine ungläubigen Nachbarn der Blitz trifft, tatsächlich ausreicht, um die Propheten des Internets Lügen zu strafen. Daher noch einmal:
Statistiken sind die Propheten der Götter im Internet, die unsere Handlungen versuchen vorherzusehen.
Was werden wir einkaufen? Wen werden wir wählen? Welche Werbung werden wir anklicken? Welche Webseiten besuchen? Und werden wir die Götzen unseres neuen Arbeitgebers auch annehmen? Leistung bringen, keine unliebsamen Überaschungen wie die Gründung eines Betriebsrates in petto haben? Auch wenn Sie es selber noch nicht wissen und sich noch nie damit beschäftigt haben, irgendeine Statistik kann die Wahrscheinlichkeit dafür benennen. Und Sie liefern in aller Unschuld die Daten dafür.

Ab vor den Spiegel und die Frage gestellt: "Was wirst du mit diesem Wissen tun?" Im Gegensatz zum wirklichen Leben haben die virtuellen Propheten übrigens eine recht lange Lebensdauer. Lassen Sie also die Hoffnung auf ein feierliches Begräbnis dieser Trotteln fahren und setzen Sie sich mit diesen Vorhersagen auseinander. Der alte Selbstschutzmechanismus funktioniert nicht mehr und Ignoranz muss durch Wissen ersetzt werden. All die Aussagen sind zu wirr? Was hat das mit meinem virtuellen Leben zu tun, fragen Sie sich?

Hart ausgedrückt: Eine Menge, und ich werde es versuchen zu erklären. Eines der einfachsten und häufigsten Spiele des einfachen Volkes um den Propheten Lügen zu strafen, ist die Wahl Ihres Passwortes. Sie haben 123456 als Passwort? Oder "Passwort" als Passwort? Ihr Geburtsdatum? Den Namen Ihrer Frau? QWERTZ? Dann wetten Sie beispielsweise gegen die Statistik, die besagt, dass zum Beispiel 123456 das am häufigst verwendete Passwort im Internet ist: "Mein Account ist gehackt! Wie konnte das nur passieren? Chinesische....". Nein, die waren es nicht. Jemand war so frei und hat die digitalen Propheten befragt und bekam die richtige Antwort: "A fool and his account are soon parted, if you use the lucky number 123456." Sie benutzen nur Kleinschreibung, weil Großbuchstaben am Anfang eines Wortes nur etwas für nOobs und alte Männer ist? Dann wetten Sie gegen eine Statistik, die besagt, dass Sie höchstwahrscheinlich ihre Kredite platzen lassen. Wundern Sie sich nicht, wenn die Bank ihre Anfrage dankend ablehnt.

Wie können Sie diese Erkenntnis als Mitglied der virtuellen Schafsherde (vulgo: Internetbenutzer) nutzen? Es liegt an Ihnen eines der ältesten Spiele der Menschheit neu zu definieren und den virtuellen Propheten ein Schnippchen zu schlagen.

to be continued.... ist noch nicht ganz fertig :)