Monday, June 4, 2012

Frühlingstage

"Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück."

Die ersten Frühlingstage, die Sonne scheint und das Volk tummelt sich frohgelaunt in den erblühenden Wiesen und an den Ufern des Flusses, frei nach Goethe: Im Tale grünet Hoffnungsglück und aus dem hohlen finstern Loft dringt ein buntes Gewimmel hervor. Sportlich, aktiv, den Körper in zahlreichen Stunden des Winters auf Zurschaustellung in einem Fitnesscenter getrimmt, bräunt und dreht sich das Volk gurrend auf den Handtüchern wie die Brathähnchen auf dem Grill.

Für viele Stadtbewohner sind die Frühlingstage und dieser Anblick anscheinend eine Zeit des Grauens, vor allem, wenn man es versäumt hat, auf dem Laufband das Hüftgold der Weihnachtszeit zu reduzieren. Anders kann ich mir den Selbsthass in den verkniffenen Gesichter der vorbei eilenden Jogger, Radfahrer und Skistockträger an den ersten schönen Tagen nicht erklären. Es sollte Freude im Herzen herrschen und ein Picknik mit Freunden in der ersten warmen Nacht des Jahres zelebriert werden, um nicht die Rückkehr von Väterchen Frost zu riskieren. Und wenn ich von einem Picknick um Mitternacht rede, besteht das nicht nur aus Möhren und Magerquark Dip, meiner Treu.


Und ich werde mein Glas auf diejenigen heben, die auch mit ein paar Kilo zuviel zufrieden jauchzen:

"Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!"