Sunday, March 24, 2013

Telekom: Abschaffung der Flatrate ab Mai geplant


Ein Zitat, das gerne und oft in Blogs verwendet wird, um den drohenden Untergang des Abendlandes mit wohlfeilen Worten zu beschwören, ist von Heinrich Heine. "Warum nicht?" habe ich mir gedacht, "Ich brauche einen Einstieg in den heutigen Blog!" und so bekommen es meine Leser - falls vorhanden - auch einmal in abgeänderter Form um die Ohren geschlagen:

"Denk ich an Deutschlands Internet in der Nacht, so bin ich um meinen Schlaf gebracht!"

Voila, wir sind beim Thema, und der Darsteller unserer heutigen Episode in der Schmierenkomödie "Deutschland und das Internet" ist die Telekom. Ein ehemals staatliches Unternehmen, dass durch Privatisierung in die Weiten der freien Marktwirtschaft entlassen worden ist und nun beständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten der Geldvermehrung ist.

Der neueste Plan im Portfolio des Grauens und des freien Unternehmertums ist die "Drosselung", genauer: Bei Flatrates soll die Übertragungsgeschwindigkeit gebremst werden, sobald ein bestimmtes Volumen an Datenmenge durch die Leitungen geflossen sind. Großzügigerweise soll die neue einheitliche Geschwindigkeit 384 KBit/s betragen... wer es dann schneller haben will, soll mehr zahlen. Und das alles ist ab Mai geplant, wie lieblich. Es ist ein wunderbarer Business Plan, der mit Sicherheit den Sozialneid unserer Nachbarstaaten hervorrufen wird, die jetzt schon für weniger Geld im Monat, mit höheren Geschwindigkeiten und ohne Begrenzungen im Internet unterwegs sind und deren Betreiber nicht gerade am Hungertuch nagen. Vor allem die Übertragung dieser Idee in andere Bereiche des öffentlichen Lebens ist schmerzfrei möglich, wie zum Beispiel Monatstickets bei den Städtischen Verkehrsbetrieben. Ab der zweiten Woche darf man nur noch eine Haltestelle damit fahren, weil das Kontigent von 30 Haltestellen im Monat aufgebraucht worden ist. Für die Poweruser unter den Pendler gibt es dann das "Bus Raiding Ticket Comfort Plus", das nur 30% mehr kostet, es aber erlaubt, das Monatsticket durchgehend zu nutzen.



Und nein, die Änderung ist nicht aufgrund der gesunden Gier eines Konzerns geplant oder weil die Telekom das Mobilfunk Geschäft in den Vereinigten Staaten in den Sand gesetzt hat und jetzt der Vorstand seinen Hintern retten will. Das wäre eine Unterstellung, viel zu profan und vor allem: Ich gönne ja dem finstersten Kapitalisten sein Schnitzel auf dem Teller. Eventuell liegt es den gelungenen Synergien zwischen der Kooperation von Spotify, Telekom und zukünftiger Breitbandsteuerung.
Auch Bestandskunden der Deutschen Telekom sollen die Möglichkeit bekommen, Spotify auf ihrem Smartphone zu nutzen, ohne dass sich dadurch das im Tarif enthaltene Datenvolumen verringert.
Spotify wird aus der Datenbegrenzung rausgenommen, dadurch bekommen dessen Konkurrenten eine indirekte Preiserhöhung / Reduzierung ihres Umsatzes durch die Telekom-Breitbandsteuerung draufgedrückt. Famos. Nein, zu weit hergeholt... das wirkliche Argument für die geplante Änderung liefert die Telekom in ihrem hauseigenen Blog:
Eine Lösung wäre tatsächlich, das in den Tarifen enthaltene Datenvolumen zu begrenzen. Der Vorteil ist, dass nur die Kunden mehr zahlen müssten, die tatsächlich mehr Volumen beanspruchen. Bisher ist es so, dass sämtliche Nutzer die intensivere Nutzung einiger quersubventionieren.
Oups, Quersubventionierung. Nicht ungeschickt, es gibt also einen Grund und Schuldzuweisung für die Abschaffung der Flatrate: Chinesische Hacker und andere böse Menschen, die sich vermutlich Pornos reinziehen und auf Youtube ein "Lets play" hochladen. Sagen wir es anders: Du kannst ab sofort mit deinem Monatsticket nicht mehr durchgehend zur Arbeit fahren, da es tatsächlich einige Benutzer gab, die es einen ganzen Monat.... ahem, lassen wir das.

Der Plan ist mit Sicherheit ein Brüller für die Unternehmen, die zum Beispiel Video-on-Demand, IP-TV, Werbung mit bunten Bildern im Netz, Social Media, Spiele oder Home Office anbieten. Es gibt inzwischen 25 Millionen Menschen in Deutschland, die regelmäßig im Internet spielen (und nicht nur Farmville) und wo es normal ist, dass ein Patch mit mehreren Gbyte an einem Release Tag via Internet kommt. Digitale Downloads bei Steam, Origin, Amazon, Gamesload oder die Nutzung von Skype, Communicator oder Teamspeak? Und die berüchtigte Cloud und deren Dienste. Hat die Telekom nicht kürzlich massiv ihre TelekomCloud beworben? Alles von einer Hand: Ich biete eine Flatrate und Cloud an, kassiere für beides und drossele den Download. Sobald jemand die Cloud öfters nutzt, kassiere ich ein weiteres Mal für den teureren Vertrag, der es dem Kunden dann erlaubt, die Cloud auch im Sinne des Erfinders zu nutzen. Daher vermutlich auch der sinistre Plan der GEZ, die neue Mediensteuer unabhängig von einer Nutzung der Inhalte oder Geräte zu machen, sondern an den Wohnraum zu binden.... bei 384 Kbit/s kann man nicht wirklich mehr von einer Bereitstellung von Inhalten im Internet sprechen.

Von süffisanten Anmerkungen meinerseits mal abgesehen: Eine Einführung dieser Drosselung - Telekom-Sprech: Breitbandsteuerung - wird sich nicht nur auf die Telekom beschränken. Das es andere Anbieter von Internetdiensten gibt, ist zwar eine feine Sache und belebt das Geschäft, aber im Grunde genommen kaufen die meisten von denen lediglich Kontigente bei der Telekom und nutzen deren Leitungen. Kommt die Telekom mit diesem Käse durch, werden und müssen die anderen Anbieter nachziehen. Und das führt uns früher oder später direkt in ein Zwei-Klassen-Internet, in dem der materieller Wohlstand und das Gehalt über die Möglichkeiten der Information und Bildung in Deutschland entscheidet. Zu weit hergeholt? Keineswegs, denn in naher Zukunft wird das Internet eine weit größere Bedeutung über die Ausbildung bekommen, wie zum Beispiel die Entwicklung von Online Universitäten, Fernlehr-Institute und die Bereitstellung von Lerninhalten.

Meiner Meinung nach ist hier der Staat gefragt, genauer: Deutschland hat den Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte unterzeichnet. Die Regierung muss das Interesse des deutschen Volkes  über das Interesse eines ehemals staatseigenen Konzern an noch mehr Geld stellen. Es kann nicht angehen, dass ein Unternehmen seine quasi Monopolstellung dazu benützt, sich nicht nur auf Kosten des Gemeinwohls zu bereichern, sondern auch Teile der Bevölkerung auf Dauer von einer sinnigen Teilnahme an der wichtigsten kulturellen Veränderung des letzten Jahrtausends ausschließt.

 "Das Recht auf Bildung gilt als eigenständiges kulturelles Menschenrecht und ist ein zentrales Instrument, um die Verwirklichung anderer Menschenrechte zu fördern."