Friday, March 15, 2013

Vom Reiz geträumter Orte

Es gibt in mir - und anderen Menschen, die ich kenne - eine Art urbane Romantik, die tief in uns vergraben ist. Die Stadt - ein künstlich geschaffener Ort - ist die natürliche Umgebung des modernen Menschen. Stein, Lärm und Benzin unser tägliches Brot. Das ist im ersten Augenblick eine entsetzliche Vorstellung, denn Romantik wird im allgemeinen mit der unberührten Natur in Verbindung gebracht. Oh, ja! Die Kunden des Bioladens um die Ecke haben da eine klare Vorstellung davon: Aufrechte Bauern, die im letzten Sonnenschein ihre karges Mahl aus Körnern und Obst zu sich nehmen oder Elfen, die singend durch den Wald hüpfen und mit Bäumen sprechen. Und ich fehlgeleitetes Wesen, der mit gesenkten Haupt ein paar Zwiebeln und Möhren in diesem Laden kauft? Meine Seele wird durch den Sonnenuntergang berührt, der durch die Stahlkonstruktionen einer verlassenen Industrieanlage scheint und dadurch fantastische Geschichten erzählt, die ein Sonnenuntergang in der Wildnis von Kanada nicht auf den Tisch bringen kann.

Ich denke, dass dies an der Art und Weise liegt, wie Menschen die Welt begreifen, dieser begegnen und in ihr überleben. Kultur ist die Antwort auf die fehlende Spezialisierung, die anderen Bewohnern unserer Welt das Überleben sichert. Kultur ist unser Werkzeug, der Segen und Fluch des Menschen. Und Hybris unsere Braut, denn wir verändern uns und die Umgebung, in der wir leben nicht immer zum Besseren. Daher hat der Sonnenuntergang in einer verlassenen Industrieanlage eine bestimmte Qualität. Er ist nicht besser, aber anders. Denn die Vergangenheit spricht zu uns durch die steinernen Bauten einer Stadt, berichtet durch die Veränderung der Landschaft von Aufstieg und Niedergang ganzer Völker. Die Szenerie erzählt mir Geschichten der Liebe und Leidenschaft, von verlorener Hoffnung oder vom Kampf der Arbeiterklasse. Vielleicht wird der verlassene Komplex auch als Unterschlupf der Anhänger von Shub-Niggurath - der schwarzen Ziege - missbraucht und die untergehende Sonne ist das letzte Licht, was ich jemals sehen werde? Aliens und Axtmörder! Geheimdienste und Paranoia?

Eventuell ist es auch nur ein Ort, der sich der Überwachung und Kontrolle des öffentlichen Raumes entzieht und in diesem speziellen Augenblick kann ich der Mensch sein, der ich bin. Frei in den Gedanken, einfach in mir selbst ruhend? Ganz ehrlich - dagegen stinkt die 2,50 EURO Version des Sonnenuntergangs des Bioladens und seiner singenden Möhren ab. Und ehe ich es vergesse, die Empfehlung für den Bücherwurm: "Architektur und soziale Fragen" - ein Essay von Betrand Russel. Kurz, altmodisch und gut!