Saturday, April 27, 2013

Telekom und die Flatrate, die Zweite


Je mehr ich über die Pläne der Telekom lese, desto deutlicher werden die Visionen von einem Mob, der mit Fackeln und Mistgabeln bewaffnet die Telekom-Zentrale niederbrennt. Vor allem, wenn der verbale Sprachmüll der Konzerne zum Einsatz kommt, der die "signal to noise" ratio in neue Höhen treibt. Aber: Das ist natürlich keine Aufforderung zum bewaffneten Aufstand, sondern lediglich heimliche Bewunderung für die poetischen Äußerungen der Telekom:

"Wenn die Telekom besondere Netzsicherheit oder höchste Übertragungsqualität zum Beispiel für Musik oder Video biete, müsse dies auch differenziert bepreist werden"

Reinste Poesie für die Ohren und den Geldbeutel, nicht wahr? Das hat den in diesem Blog bisher noch nicht vergebenen "Bullshit Award" verdient. Auch wenn es auf den ersten Blick offensichtlich erscheint, geht es erst in zweiter Linie um mehr Profit und die Erhöhung der mageren Manager Gehälter. Das eigentliche Ziel ist die Abschaffung der Netzneutralität. Hat bisher so funktioniert: Alle Daten werden ohne Veränderung gleichberechtigt übertragen und es ist egal wer die Daten in die Welt gesetzt hat und woher diese kommen. Und was für Folgen hat das, fragen Sie sich?

In Zukunft wird die Telekom für Ihre Kunden entscheiden, was gute und was schlechte Daten sind. Die Definition davon ist eine einfache: Der gute Datenverkehr ist die Nutzung der Produkte der Telekom und ihrer Vertragspartner und alles andere ist bäh. Sie haben den Cloud-Dienst eines anderen Unternehmens gebucht? Youtube? Sie kaufen ihre Spiel bei Steam? Oder benutzen Skype? Streamen legal erworbene Filme nicht über einen Telekom-Partner? Das ist alles schlechter Datenverkehr, für den Sie in Zukunft entweder extra zur Flatrate löhnen dürfen, gar nicht mehr zu sehen bekommen oder mit unterirdisch schlechten Übertragungsraten zur Verfügung gestellt bekommen, kurz: Die liebliche Telekom wird über kurz oder lang für den Kunden entscheiden, was dieser im Internet mit seiner "Flatrate" machen darf.

Aber 75GB verbraucht doch kein Mensch denken Sie? Das mag sein, aber dieser "Freibetrag" ist eigentlich nur die dünne Zuckerhülle für die bittere Tatsache, die vielleicht schneller kommen wird, als Sie es sich vorstellen können: Sie buchen mit der Flatrate auch die ethischen Vorstellungen eines Konzern, die nicht unbedingt mit Ihren Interessen übereinstimmen müssen. WikiLeaks? Jahresversammlung der praktizierenden Pathologen? Pornos? Religiöse Seiten? Partnersuche für Homosexuelle? Walfang für Anfänger? Leider kein Zugriff mehr oder mit einer Drosselung versehen. Aber nein, ich übertreibe: Wie wir als mündige User wissen, gibt es keine Zensur im Internet. Und das Apple E-Mails oder nackte Tatsachen ohne Ankündigung löscht, ist sicherlich ein April-Scherz:

"However, Apple reserves the right at all times to determine whether Content is appropriate and in compliance with this Agreement, and may pre-screen, move, refuse, modify and/or remove Content at any time, without prior notice and in its sole discretion, if such Content is found to be in violation of this Agreement or is otherwise objectionable."
Zensur ist unschön, aber Realität. Wesentlich schlimmer wird es aber, wenn es den Anbietern erlaubt wird, Netzneutralität zu ignorieren. Wer glaubt, dass ein Konzern wie die Telekom ethische Grundsätze hat, die ihr persönliches Recht auf Information und kommunikative Grundversorgung achtet, ist ein Narr. Und dieses Problem trifft nicht nur den Endnutzer einer Flatrate, sondern auch alle, die in irgendeiner Art und Weise Inhalt in das Netz stellen. Denn diese Inhalte, sei es der eigene Shop, Blog oder Dienst sind auf die Erreichbarkeit durch den Provider angewiesen. Sie schalten auf Ihrer Webseite Werbung für einen Telekom-Konkurrenten? Und haben plötzlich keine Besucher auf ihrer Webseite mehr? Ich prophezeie Ihnen extreme Schwierigkeiten Manipulation seitens der Interneproviders nachzuweisen oder eine bessere Erreichbarkeit vor Gericht zu klagen.

Natürlich hört sich das alles nach Paranoia und Schwarzmalerei an. Aber je länger ich darüber nachdenke und Sachen mir anlese, desto mehr glaube ich, dass hier die Büchse von Pandora geöffnet wird. Ob mit finsteren Absichten oder nur grenzenloser Naivität im Angesicht des rollenden Rubels ist eigentlich egal:  Sollte die Telekom damit durchkommen, werden unsere Nachkommen auf unsere Gräber spucken. Schöne Aussichten in einer schönen, neuen Welt.



to be continued... soon